Roland Wagner: Erzählungen aus der Zukunft 1 – Zur Brisanz von Science-Fiction

Teil 1

 

Das Thema dieses Aufsatzes liegt in mehrfacher Hinsicht im Geist der Zeit: Nicht nur, dass die Frage nach der digitalisierten Zukunft, die nebenbei das humanistische Menschenbild umwirft, die wohl dringendste des frühen 21. Jahrhunderts ist; sondern auch, dass die Frage der Zukunftserzählung eminent ist, haben kürzlich mehrere Menschen bemerkt. So sind mir in jüngster Zeit gleich drei Artikel zufällig, und nicht während der expliziten Recherchen zu diesem Thema, in die Hände gefallen, die ihre Anmerkungen dazu machen:

 

‘Lesen Sie Science-Fiction!’ titelt eine Spiegel-Online-Kolumne im November 2017, die mit dem schlechten Ruf aufräumen will, den Science-Fiction-Literatur unter Literaturkritiker*innen zuweilen hat. Ganz richtig heißt es in der Kolumne so:

„Meiner Wahrnehmung nach ist „1984“ für das Nachdenken der Menschheit über sich selbst weit wichtiger als das Gesamtwerk von Adalbert Stifter oder das von Robert Walser. Die Letzteren aber sind selbstverständlich kanonisiert, das Erstere nicht. Der Science-Fiction-Autor Neal Stephenson hat mir einmal in einem Interview gesagt, klassische Literatur handle von Menschen, Science-Fiction aber von Ideen. Ich glaube, er hatte recht. […] / Science-Fiction ist heute, anders als zu Jules Vernes Zeiten, so wichtig, weil alles so schnell geht. Die Menschheit verändert ihre eigene Lebenswelt in so atemberaubendem Tempo, dass die Visionen von gestern sehr schnell zur Gegenwart von heute werden können. Wenn unsere Gesellschaften aber darüber nachdenken sollen, in welche Welt all die rasante Entwicklung führen wird und sollte – ob in Sachen Künstliche Intelligenzin Sachen Gentechnikin der Robotik oder angesichts der Folgen des Klimawandels -, dann wird ihnen der Blick zurück und nach innen dabei nicht helfen. Sie werden sich zum Nachdenken auf Autoren beziehen müssen, die sich das Nachdenken über Morgen und Übermorgen zum Beruf gemacht haben. / Früher galt das Lesen von Science-Fiction als eskapistisch. Heute ist es Eskapismus, keine Science-Fiction zu lesen.“ [1] In diesem Sinne sei auch hier die Notwendigkeit und Gegenwärtigkeit von Science-Fiction aufgefasst.

 

Im Online-Magazin Geschichte der Gegenwart wurde kürzlich von Philipp Sarasin, anlässlich der Neu-Verfilmung von Philip K. Dicks Do Androids Dream of Electric Sheep? (1968), die erste Verfilmung von 1982 (Blade Runner) unter der Überschrift Vergangene Zukunft. Über „Blade Runner“, November 2019 unter dem Vorzeichen besprochen, dass die 1982er-Zukunftsvision heute Vergangenheit ist. Wie in Dicks’ Roman (und wie in den Blade Runner-Filmen) steht dabei der Android im Mittelpunkt, den Sarasin u.a. aus der Perspektive des Aufklärungstopos’ vom ‘Maschinenmensch’ begreift. Den Fortschritten in der Robotik zum Trotz hält der Autor einen menschenähnlichen Androiden indes für nicht realisierbar; gleichzeitig verweist er in seinem Schlusswort aber darauf, dass wir heute bereits in der Zukunft leben: „[…] während  wir doch schon von Algorithmen umgeben sind, die keinen Körper brauchen, um uns glauben zu machen, dass sie Menschen seien. Eine sanfte Stimme, ein hübsches Bild, gegebenenfalls auch ein wenig romantische Klaviermusik reichen jedenfalls, damit wir uns in den neuen Städten der social media, wo es nie regnet, in ihrer Gesellschaft wohlfühlen.“ [2] So wird hier wiederum einerseits auf die Gegenwärtigkeit von Science-Fiction verwiesen. Anderseits wird deutlich, dass Zukunft heute bereits Vergangenheit sein kann. ˗ Aus Letzterem lässt sich ein Problem unserer Gegenwart (sowie auch von Science Fiction) formulieren, wie es der Kapitalismuskritiker Mark Fisher mit seiner Aufsatzsammlung Ghosts of my Life. Writings on Depression, Hauntology and Lost Futures (2014) tat, der eine allgegenwärtige Retro-Sehnsucht konstatiert: Der Wunsch nach einer Rückkehr zum untergegangenen Sozialstaat, der sich als Gegenbewegung zum Erstarken des Neoliberalismus seit den 1980ern in den Kulturproduktionen durch die diversesten Retro-Trends ausdrückt. Die Pop Musik weiß so nur selten Neues zu bieten, sondern setzt vielmehr geradezu auf Remakes und Wiederholungen, aber auch Science-Fiction-Erzählungen wiederholen gerne Stoffe, erörtern mit Dystopien und Post-Apokalypse-Themen eine Unmöglichkeit der Zukunft oder greifen ‘auf die Vergangenheit zurück’, indem sie Vorgeschichten (die zweite Star Wars-Trilogie oder Star Trek: Discovery) hervorkramen. Das aber bedeutet: „[…] so lastet auf dem 21. Jahrhundert der Alp der Endlichkeit und Erschöpfung. So fühlt sich keine Zukunft an. […] Das allmähliche Aufkündigen der Zukunft ist von einer Deflation der Erwartungen begleitet.“ [3] Dem Eingang in die Depression, in die Dystopie oder in eine untote, gespensterhafte Ontologie (der Philosoph Derrida prägte hierfür in einer Marx-Schrift [4] den Begriff Hauntology) will der vorliegende Aufsatz freilich einen Kontrapunkt setzen und mittels des Utopischen in Science-Fiction auf bessere Zukünfte verweisen.

 

Ein dritter Artikel, der mich kürzlich fand, beschreibt die Anschauungen des progressiven Astrophysikers Carl Sagan (1934-1996), der u.a. Projekte zu der Suche nach außerirdischer Intelligenz vorantrieb: Carl Sagan on the Power of Books and Reading as the Path of Democracy [5]. In dem Artikel wird eine späte Schrift Sagans thematisiert, die das erhöhte Reflektionsvermögen durch das geschriebene/gelesene Wort mit sich bringt. Sagan meinte damit grundsätzlich, dass Belesenheit den Aufstieg von Diktatoren oder Autokraten verhindern könne (nicht umsonst verbieten oder verbrennen jene schließlich gerne Bücher). Auch wenn, wie gesagt, nicht das Dystopische hier im Mittelpunkt stehen soll, birgt die (digitalisierte) Zukunft freilich auch ein erhebliches Gefahrenpotential, welches Science-Fiction-Romane antizipieren und so möglicherweise minimieren können.

 

Die Notwendigkeit, die mich zum Schreiben dieses Textes motiviert, mag anhand der drei Zufallsfunde deutlich geworden sein. Ein letzter Punkt sei noch hinzugefügt, der die Bedeutung von Erzählungen/Narrationen unterstreichen soll:

Die moderne Geschichtswissenschaft hat sich von dem Gedanken verabschiedet, dass es nur eine einzige, lineare Historie gibt. Dieses Modell war eine recht isolierte europäische Vorstellung, welche unter der Vielzahl der globalen Kulturen nur hier entwickelt und hochgehalten wurde.Geschichte in diesem Sinne gibt es aber nicht, es gibt nur Geschichten, die sich widersprechen oder ergänzen, die lebendig, dynamisch oder fragmentarisch sind. Diese Anschauung hat wieder durch den postkolonialen Kontakt mit anderen Kulturen freigelegt werden können und indem Erzähl- und Geschichtsstrategien anderer Kulturkreise ebenso akzeptiert werden; insbesondere die Postcolonial Studies fügen so wiederum der herrschenden Geschichtsschreibung Gegen-Geschichten von Unterdrückten hinzu. Science-Fiction-Erzählungen seien hier analog als (mögliche, alternative) Geschichte(n) der Zukunft verstanden.

 

Zwei Erzählungen möchte ich im Folgenden vorstellen, aufzeigen, wie sehr sie trotz ihrer Ansiedlung in der Zukunft mit der Gegenwart verbunden sind, wie sehr die Gegenwart bereits Züge dieser Zukunft hat und wie diese Erzählungen uns inspirieren können, wie wir unsere Zukunft gestalten.

Die eine Erzählung stammt von der kanadischen Autorin Margaret Atwood (*1939), der im Oktober 2017 in Frankfurt der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen wurde, in der Begründnung des Stiftungsrates heißt es: „Die kanadische Schriftstellerin, Essayistin und Dichterin zeigt in ihren Romanen und Sachbüchern immer wieder ihr politisches Gespür und ihre Hellhörigkeit für gefährliche unterschwellige Entwicklungen und Strömungen. Als eine der bedeutendsten Erzählerinnen unserer Zeit stellt sie die sich wandelnden Denk- und Verhaltensweisen ins Zentrum ihres Schaffens und lotet sie in ihren utopischen wie dystopischen Werken furchtlos aus. Indem sie menschliche Widersprüchlichkeiten genau beobachtet, zeigt sie, wie leicht vermeintliche Normalität ins Unmenschliche kippen kann. Humanität, Gerechtigkeitsstreben und Toleranz prägen die Haltung Margaret Atwoods, die mit wachem Bewusstsein und tiefer Menschenkenntnis auf die Welt blickt und ihre Analysen und Sorgen für uns so sprachgewaltig wie literarisch eindringlich formuliert. Durch sie erfahren wir, wer wir sind, wo wir stehen und was wir uns und einem friedlichen Zusammenleben schuldig sind.“ [6]

Obwohl Atwoods MaddAddam-Trilogie (‘Oryx und Crake’ (2003) / ‘Das Jahr der Flut’ (2009) / ‘Die Geschichte von Zeb’ (2013)) im Grunde als Dystopie angelegt ist und mit wechselnden Erzählperspektiven die letzten Jahre der hochtechnologisierten Welt vor einer globalen Pandemie resp. die Zeit der wenigen Überlebenden nach der Katastrophe beschreibt, steht doch eben jenes letztgenannte ‘friedliche Zusammenleben’ im Mittelpunkt und m.E. hat Atwood in dieser Erzählung, die sich über drei Bände erstreckt, so auch etliche Aspekte des Zukunftsfähigen/Visionären zu bieten.

 

Die zweite Geschichte, die hier in den Fokus gestellt sei, ist Dietmar Daths Venus siegt! (2015), die Dath im Folgejahr um den Epilog Venus lebt! erweiterte. Der deutsche Journalist und Autor (*1970) verknüpft in seinem Roman seine marxistisch-leninistische Weltsicht mit der Science-Fiction-Handlung einer von Menschen, Androiden und virtuellen Intelligenzen kolonisierten Venus. Die drei trans- resp. posthumanen Spezien sollen auf der Venus durch das sozialen Experiment des ‘Bundwerks’ gleichberechtigt und kommunistisch miteinander leben. Die spannende, futuristische Handlung orientiert sich mit ihren Verläufen und ihrem Personal an den Geschehnissen der Russischen Revolution ˗ von Lenin zu Stalin ˗, ohne dass die Analogisierung dabei gezwungen oder bieder wirkt. Freilich wird die Dath’sche Wertung impliziert, dass letztlich ein Kommunismus à la Marx und Lenin eine alleinseligmachende Zukunft verheiße.

Dabei ist Dath durchaus modern & progressiv und in keinerlei Weise mit den reaktionären & autoritären Funktionären linker Parteien zu vergleichen, die manch einer nur aus Spielfilmen aus dem kalten Krieg kennt. In verschiedenen Dath’schen Schriften entsteht der Eindruck, dass dieses Hochhalten von Marx & Lenin vielleicht nur ein exzentrischer Spleen ist, denn tatsächlich finden sich bei Dath auch deutlich progressivere und emanzipatorischere Ideen denn bei Marx/Lenin, geschweige denn bei Marxisten, Leninisten oder Trotzkisten. In folgendem Absatz aus Daths Maschinenwinter (2008) wird deutlich, dass er die Ablehnung marxistisch-leninistischer Dogmen durchaus verstehen kann, die Dogmen aber dennoch präferiert:

„Das Verfahren, die Wissenschaftlichkeit einer Aussage an ihrer Vereinbarkeit mit Kirchenvätertexten [gemeint sind die Schriften von Marx und Lenin; R.W.] zu eichen, ist von beweglicheren Geistern als „dogmatisch“ gegeißelt worden. Es hatte aber, wie andere Spielarten linker Wagenburgmentalität, eine gewisse  Berechtigung aufgrund der Tatsache, daß ein gut auswendig gelernter Marx im Zweifelsfall immer noch besser funktioniert und weiter führt als ein schlecht selbst ausgedachter „dritter Weg“. […] Das meiste, was seit 1917 in Abgrenzung vom Marxismus als funkelnagelneue linke Kombi-Idee vorgeschlagen wurde, krankt fortdauernd daran, daß es in Wahrheit substantiell älter konzeptionell schwächer ist als die Tricks, die man Marx und den klügeren unter seinen Schülern verdankt […]. / Die szientistisch verkleidete Orthodoxie vieler Altmarxisten aber ist tatsächlich oft ein Schiefbau. […] Und damit zum Gleichnis, auf da ich hinaus will: Ein wirklich wissenschaftlicher Sozialismus für die Gegenwart hätte mit Marx soviel und sowenig zu tun wie die gegenwärtige Physik mit den Funden Maxwells und die gegenwärtige Biologie mit denen Darwins. / Eine ganze Menge also, aber eben jeweils im überprüften (und immer neu zu prüfenden) Anwendungsbereich.“ [7]

Nun könnte der Schluss, der aus dem Gesagten gezogen wird, freilich genauso gut sein, dass Maxwell, Darwin und Marx lediglich Bausteine neuer Theorie darstellen. Es handelt sich hier schlicht um eine Frage der Perspektive. Des Weiteren verweist die Notwendigkeit des Überprüfens schlechterdings darauf, dass Maxwell, Darwin und Marx keine zeitlose Theorien entwickelt haben, sondern in vielem schlicht Kinder ihrer Zeit waren. Im Falle von Marx bedeutet das m.E. dezidiert, dass wir heute notwendigerweise postmarxistisch Kritik, Einspruch und Modifizierung walten lassen müssen. Die Frage, wie viel Marx die Zukunft verkraftet, wäre eines eigenen Aufsatzes wert, hier nun beginne sie zunächst ohne Karl.

=> Teil 2

 

Fußnoten

[1] Zit. nach: Christian Stöcker, ‘Lesen Sie Science-Fiction!“, 5. November 2017, unter: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/exponentielle-entwicklung-lesen-sie-science-fiction-a-1176316.html.

[2] Zit. nach: Philipp Sarasin, ‘Vergangene Zukunft. Über „Blade Runner“, November 2019’, 19. November 2017; unter: http://geschichtedergegenwart.ch/vergangene-zukunft-ueber-blade-runner-november-2019/.

[3] Zit. nach: Mark Fisher, ‘Gespenster meines Lebens. Depression, Hauntology und die verlorene Zukunft’, Berlin 2015, S. 17.

[4] Jacques Derrida, ‘Marx’ Gespenster. Der Staat der Schuld, die Trauerarbeit und die neue Internationale’ (1993), Frankfurt am Main 2016.

[5] Maria Popova, ‘Carl Sagan on the Power of Books and Reading as the Path of Democracy’, 8. November 2017; unter: https://www.brainpickings.org/2017/11/08/carl-sagan-books-reading/.

[6] Zit. nach: Meldung Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, ‘Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an Margaret Atwood’, 13.06.2017, unter: http://www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de/445651/?mid=1341211.

[7] Zit. nach: Dietmar Dath, ‘Maschinenwinter. Wissen, Technik, Sozialismus. Eine Streitschrift’, Frankfurt am Main 2016, S. 60ff.

 

Hinweis:

Dieser Artikel ist als Gastbeitrag eine persönliche Meinung des Autors und soll als Diskussionsgrundlage, oder um Aufmerksamkeit auf dieses Thema zu lenken, genutzt werden. Die hier dargelegten Standpunkte stellen nicht zwangsläufig die der TPD dar.

 

Über den Autor

Dr. phil. Roland Wagner (*1978) studierte Kunstgeschichte und Germanistik in Frankfurt am Main, promovierte mit einer Arbeit über Übermensch-Konzepte um 1900 (Ideologien. Ästhetiken, Philosophien) und übt sich heute in einer Nachdenklichkeit über die Zukunft, über die obsolete Lohnabhängigkeit im Zeitalter der Digitalisierung oder über posthumane Lebensweisen.

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