Zur Überwindung des Todes, Teil 1: Altern

Unsterblichkeit Altern

Der Tod – sicher kein passendes Thema für den morgendlichen Smalltalk im Kollegenkreis, aber dennoch eines, das uns alle unmittelbar angeht. Fragt man die Philosophen, so erhält man die unterschiedlichsten Antworten. Da wäre der griechische Philosoph Epikur, der sagt, wir müssten uns keine Gedanken über den Tod machen, da er nicht ist, solange wir sind, und wir nicht mehr sind, wenn er eingetroffen ist. Der deutsche Philosoph Martin Heidegger hingegen erklärt, dass das Leben nur vom Tod aus denkbar und zu verstehen ist; das Leben gar nichts anderes sein sollte als ein Sein zum Tode. Für den französischen Schriftsteller und Philosophen Albert Camus ist der Tod die krönende Absurdität eines im Ganzen absurden Lebens.

Wie auch immer man es philosophisch mit dem Tode hält, die meisten Gesellschaften geben sich größte Mühe, seine Wahrnehmung auf ein erträgliches Maß zu begrenzen. Gestorben wird im Idealfall im Krankenhaus oder in Einrichtungen der Palliativmedizin – für die Meisten weit entfernt vom alltäglichen Arbeits- und Unterhaltungsbetrieb. Und dennoch will der Tod es nicht unterlassen, uns immer wieder ins Gedächtnis gerufen zu werden, sei es durch Nachrichten von Kriegen und Naturkatastrophen, durch die Gefahr des Terrorismus oder ganz nahe durch Unfälle und plötzliche Krankheitsfälle mit tödlichem Ausgang.

Im Gegensatz zu solchen Ereignissen akzeptiert es die Mehrheit stillschweigend, wenn aufgrund fortgeschrittenen Alters der Körper allmählich seine gesunde Funktion einstellt, sich die Beschwerden wie Arthrose, Muskelschwund und Demenz häufen und schließlich der Tod aufgrund von Alterserscheinungen eintritt. Dies wird im Gegensatz zum Tod durch Unfall oder anderweitige Erkrankung als der natürliche und unausweichliche Lauf der Dinge angesehen, mit dem sich ein jeder abzufinden hat.

Für Transhumanisten stellt sich die Lage gänzlich anders dar: Der Tod ist der große und letzte Feind, er markiert, unabhängig von seiner Ursache, das Ende des Lebens und damit das Ende jeder Bedeutung, das Ende von allem Schönen und Guten und jedem Wert, der erfahren oder angestrebt werden kann. Mangels Glaubens an ein Leben nach dem Tode in irgendeiner fantastischen Parallelwelt, die in einem naturwissenschaftlichen Weltbild kaum Platz außerhalb von Wunschvorstellungen findet, ist der Trost ein spärlicher: Der Verstorbene lebt nur in seinen Werken, Nachkommen und den Auswirkungen seiner Handlungen weiter.

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Photo by Rosie O’Beirne (Creative Commons)

Es gibt jedoch im transhumanistischen Denken eine größere Hoffnung, die keine Religion der Welt zu bieten hat, da sie gänzlich auf das Weiterleben in dieser unseren Welt abzielt, der einzigen, auf deren Existenz wir uns verlassen können, weil wir genau in diesem Augenblick darin leben. Es ist die Erkenntnis, dass es sich beim biologischen Altern keineswegs um eine Unausweichlichkeit handelt.

Tatsächlich gibt es kein Naturgesetz, das besagt, ein Lebewesen müsse nach der Reifung zum Erwachsenen wieder Stück für Stück zerfallen und seine gesunden körperlichen Funktionen verlieren. So kann bei den meisten Einzellern von potenzieller Unsterblichkeit gesprochen werden, da sie keine Alterungserscheinungen vorweisen; und die Quallenart „Turritopsis dohrnii“ kann sich immer wieder selbst „verjüngen“ und ist daher ohne schädliche Einflüsse von außen tatsächlich biologisch unsterblich. Auch andere Lebewesen weisen keine Alterungserscheinungen auf und können unter idealen Bedingungen unbegrenzt lange leben.

Der menschliche Körper ist, wie der jedes anderen Lebewesens auch, eine biologische Maschine, die sich auf molekularer Ebene eindeutig offenbart – man kann komplexe biochemische Prozesse, die den Zellaufbau und die Abläufe darin bestimmen, als organische Nanotechnologie beschreiben.

Sobald man den Körper aus dieser Perspektive betrachtet, erscheint das Altern mit allen damit einhergehenden Problemen, als genau das, was es ist: eine Erbkrankheit, die uns alle plagt und uns schließlich ins Grab befördern wird, wenn wir nichts dagegen unternehmen. Unser Körper hat erstaunliche Selbstheilungs- und Regenerationsfähigkeiten, es gab jedoch schlichtweg keinen evolutionären Druck, dass diese über einen Zeitraum von einigen Jahrzehnten hinaus wirkungsvoll bleiben – unsere Vorfahren hatten keine Verhütungsmittel und haben sich weitgehend mit Einsetzen der Geschlechtsreife fortgepflanzt, sodass es keine evolutionäre Selektion hinsichtlich von Langlebigkeit gab. Somit ist unsere schnelle Vergänglichkeit nichts anderes als ein Ballast unserer Evolutionsgeschichte, von dem wir uns aber befreien können.

Diese Befreiung ist keine Zukunftsmusik mehr. Es gibt eine stetig wachsende internationale soziale Bewegung zur Lebensverlängerung, die verstärkte Investitionen in die Forschung zur Überwindung des Alterns und der damit einhergehenden Erkrankungen, die schließlich zum Tod führen, sowie die Anerkennung des Alterns als Krankheit fordert.

Eine herausragende Gestalt dieser Bewegung ist der britische Biogerontologe Aubrey de Grey, Gründer der SENS Foundation (Strategies for Engineered Negligible Senescence), die sich der Förderung entsprechender Forschung und der Heilung des Alterns durch einen ingenieursmäßigen Ansatz verschrieben hat. Auch über soziale Netzwerke sind Vertreter der Bewegung schnell auffindbar, beispielsweise die International Longevity Alliance (ILA), der Eternal Life Fan Club oder die Movement For Indefinite Life Extension.

Doch hier macht der Wunsch nach Überwindung des Alterns und des Todes noch lange nicht halt: Mittlerweile gibt es aufstrebende Biotechnologieunternehmen, die sich nichts anderes auf die Fahnen geschrieben haben, als dieser uralten Geißel der Menschheit den Kampf anzusagen. Zu nennen wäre hier Calico, gegründet als Tochterunternehmen von Google mit allen dahinterstehenden Ressourcen (mittlerweile unter der gemeinsamen Holding Alphabet), Human Longevity mit dem Aushängeschild Craig Venter, dem US-amerikanischen Biochemiker, der unter anderem für seine Arbeit am Humangenomprojekt und die Erschaffung synthetischen Lebens bekannt ist, sowie BioViva mit der Chefin Elizabeth Parrish, die sich selbst als Testpatientin einer entsprechenden Gentherapie unterzogen hat.

Es gibt also viel Bewegung und ständige Neuigkeiten auf diesem Gebiet, das derzeit noch erstaunlich wenig Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit bekommt. Liegt es vielleicht an der erfolgreichen Verdrängung der eigenen Sterblichkeit und der gnadenlosen Kürze des Lebens, die uns Mutter Natur in ihrer kaltherzigen Art mit in die Wiege gelegt hat? Es bleibt jedenfalls zu erwarten, dass auch der stärkste Sympathisant des Todes durch Altern der Verlockung einer Unsterblichkeitspille erliegen würde.

Die Transhumane Partei Deutschland (TPD) setzt sich dafür ein, dass Forschungsgelder, auch in diesem Bereich, in deutlich größerem Umfang als bisher bereitgestellt werden und dass entsprechende Therapien so früh wie möglich unter Ausschluss eventueller Risiken der gesamten Bevölkerung zugänglich gemacht werden. Weiterhin fordern wir eine Anerkennung des Alterns als Krankheit durch Behörden und medizinische Institutionen wie die World Health Organization (WHO). Wir sehen darin neben einer kreativen Lösung für das Problem des demografischen Wandels nichts anderes als die Wahrung und Erfüllung des fundamentalen Rechts auf Leben, das keiner Person abgesprochen werden darf.

Bemerkung:

Dieser Artikel ist der 1. Teil einer dreiteiligen Serie zum Thema „Unsterblichkeit“

Hier geht es zum zweiten Teil der Serie: „Fünf Wege zur Unsterblichkeit

Hier geht es zum letzten Teil der Artikelserie: „Fünf Wege zu ewigem Leben

 

Dieser Artikel ist eine persönliche Meinung des Autors und soll als Diskussionsgrundlage, oder um Aufmerksamkeit auf dieses Thema zu lenken, genutzt werden. Die hier dargelegten Standpunkte stellen nicht zwangsläufig die der TPD dar.

Martin Von Berg

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