Ich wage eine Behauptung: Jeder Mensch ist Transhumanist.Transhumanist

Warum?

Jeder von uns will im Alltag besser sein als er es gestern war. Wir wollen etwas Neues lernen, wir wollen besser arbeiten, besser zu unseren Mitmenschen sein. Wenn wir ein Hobby haben, wollen wir darin besser werden. Transhuman bedeutet nicht mehr als das: Mehr zu sein, als man vorher war. Transhuman bedeutet „über das Menschliche hinaus“ – übermenschlich sein. Obwohl „übermenschlich“ gar nicht übermenschlich ist, denn was bedeutet schon „menschlich“?

Macht man die Menschlichkeit beispielsweise an der Begabung zur Vernunft fest, gerät man schnell ins Wanken. Menschen wissen oft selbst nicht, warum sie bestimmte Handlungen vollziehen und erfinden nachträglich Gründe für ihr Handeln. Hinzu kommt, dass durch neuronale Verbindungen große Teile des Denkens, ca. 80 %, prädestiniert und unbewusst ablaufen. Kann das als Vernunft bezeichnet werden? Wohl kaum.

Man könnte auch sagen, menschlich sein heißt, empfindungsfähig zu sein. Diese Fähigkeit besitzen jedoch auch viele andere Spezies, womöglich in der Zukunft auch Maschinen. Also taugt auch das nicht für eine Abgrenzung.

Das Konzept Bewusstsein bietet einen weiteren Punkt zur Abgrenzung. Bewusstsein, also die Fähigkeit eines Individuums, zu handeln und zu fühlen und sich dessen bewusst zu sein, wird bisher lediglich dem Menschen zugeschrieben. Aber auch Bewusstsein ist eben nur ein Konzept, welches bisher nicht bewiesen wurde. Denn wie kann ich beweisen, dass jemand anderes außer mir ein Bewusstsein hat und nicht doch nur auf Reize unbewusst reagiert?

Eine These vom Historiker Yuval Noah Harari besagt, dass der Mensch aufgrund seiner Fähigkeit, über fiktive Tatsachen zu sprechen, zum Gott über alle anderen Lebewesen wurde. Indem der Mensch Geschichten von Göttern, Staaten und Geld erzählt und somit unzählige Menschen zur Kooperation verleitet, konnte er sich die Welt untertan machen. Warum aber hat der Mensch diese Fähigkeit? Und vor allem: Wofür wollen wir sie im 21. Jahrhundert einsetzen?

Transhumanisten setzen sich mit diesen Fragen tagtäglich auseinander. Was ist der Mensch? Was sind seine Vorteile, seine Nachteile? Wie kann er besser werden, ein besseres Leben haben?

Warum Transhuman cool ist

Als Kinder fanden wir, dass Menschsein irgendwie langweilig ist, weil es so viele Grenzen gibt, die wir nicht überschreiten konnten.

So ziemlich jeder von uns wollte als kleines Kind ein Superheld sein. Wir träumten davon, fliegen zu können, Autos oder Häuser mit einer Hand anheben zu können, so schnell wie das Licht zu sein oder mit unseren bloßen Gedanken zu kommunizieren.

Wir haben auch von der Ewigkeit geträumt. Der Tod war nur eine Lüge, die man uns auftischte um uns Angst zu machen. Als Kinder machte uns die Vorstellung eines ewigen Lebens glücklich. Wie viel Zeit wir dann hätten, wie viele Möglichkeiten uns eröffnet wären. Nun aber hat jeder von uns Angst vor dem Tod, denn er ist real und das haben wir begriffen. Warum aber verteidigen wir ihn dann als etwas Natürliches, Unumgängliches? Ich für meinen Teil würde liebend gern ein Leben verbringen, in dem meine Mutter niemals stirbt. Ein Leben, in dem sie weder krank noch alt wird und daran verendet.

Je älter wir wurden, desto mehr haben wir uns jedoch mit den Grenzen abgefunden, unser Leben danach ausgerichtet. Wir gingen zur Schule, danach an die Universität oder in eine Lehre, fingen an zu arbeiten. Wofür? Jeden Tag erzählen sich unzählige Menschen, sie arbeiteten, um ein glückliches Leben zu führen. Irgendwann mal. Aber wann? Erst in der Rente ist man von der Arbeit befreit. Aber dann ist man alt. Eine traurige Vorstellung.

Nun aber haben wir die Möglichkeit, wieder zu träumen und diese Träume Realität werden zu lassen.

Gegenwärtige Fortschritte

Technologie ist schon jetzt in der Lage, die Leistungsfähigkeit des Gehirns zu steigern. 1980 in Frankreich entwickelt, ursprünglich nur zur Behandlung von Schlafkrankheit, wurden auch andere Wirkungen eines Medikaments namens Modafinil festgestellt. Die Kapazität und Leistungsfähigkeit des Gehirns werden gesteigert, Aufgaben können schneller und besser bewältigt werden. Verstärkte Forschung, um ungewollte Nebenwirkungen zu beseitigen, wäre der Schlüssel zu einem schnelleren, besseren Gehirn.

Im Kampf gegen Demenz und andere Alterskrankheiten wurden bereits beträchtliche Fortschritte erzielt. Leider wird nahezu die gesamte Forschung an Tieren wie Mäusen durchgeführt, was uns bisher nur vage Rückschlüsse auf die Wirksamkeit beim Menschen gibt. Forschung an künstlichem menschlichen Gewebe könnte uns also schneller dazu befähigen, unsere Großeltern und zukünftig unsere Eltern sowie auch uns vor solchen Krankheiten zu bewahren. Ich möchte auch noch mit 80 Jahren geistig so fit sein wie ich es jetzt bin.

Das IEEE (Institute of Electrical and Electronics Engineers) forscht gerade an einer effizienten Möglichkeit, autonome Fahrzeuge per WLAN in direkte, digitale Kommunikation zu versetzen. Wie lange noch, bis es beim Menschen so weit sein wird?

Kindheitsträume

Als Kind wollte ich nie erwachsen werden. Warum? Weil ich gesehen habe, wie sich meine Eltern und die Eltern meiner Freunde jeden Tag mit Arbeit herumplagten. Sie kamen erschöpft nach Hause, legten sich auf die Couch und waren mit ihrem Tag fertig. Auf Dauer zehrte das an den Nerven. Unzufriedenheit, Stress, schlechte Laune gehörten zum Alltag.

Nun stehen wir durch die Entwicklung Künstlicher Intelligenz vor der Möglichkeit, uns von vielerlei unsinniger, langweiliger und nervenzehrender Arbeit zu befreien. Tausende Menschen, die sich jeden Tag 8 Stunden damit herumplagen, Mails zu schreiben, Dokumente zu unterzeichnen und Überweisungen zu tätigen, wären von dieser Last befreit. Arbeiterinnen und Arbeiter, die tagtäglich die immer wieder gleichen Handgriffe tätigen, müssten dies nicht mehr tun.

Als Kinder hat man Neues als eine Chance begriffen. Jede neue Information, jeder neue Gegenstand war eine Chance, eine neue Möglichkeit seinen Tag anders, besser zu gestalten. Technologie ist ebenso eine Chance. Natürlich birgt sie Gefahren. Die Haustür in einer Großstadt zu öffnen birgt ebenso Gefahren. Als Mensch in ein Auto zu steigen ist sogar noch viel gefährlicher, und doch machen dies täglich Millionen von Menschen. Warum? Weil es ihnen Vorteile bringt. Auto fahren bringt jeden schneller von A nach B, vom Heim auf die Arbeit, vom Heim in den Urlaub. Warum betrachten wir Künstliche Intelligenz und andere Technologien nicht genauso? Etwas als Chance zu begreifen heißt nicht, jegliche Nachteile vollkommen auszublenden. Vor dem Durchbruch jedoch schon zu regulieren und etwas zu verteufeln versperrt jegliche Möglichkeit eines rationalen Dialogs. Jeder von uns setzt sich doch den Anspruch, ein vernünftiger Mensch zu sein. Vernunft heißt aber auch Konsequenz im Vernünftigsein. Vernunft mit Ausnahmen ist keine Vernunft.

Gegenwärtige und künftige Technologien stellen uns als Menschheit und damit jeden einzelnen Menschen auf den Prüfstand. Es geht um folgende Frage: Ist der Mensch in der Lage, seine Schwächen abzulegen und besser zu werden? Ist der Mensch in der Lage, sich sein eigenes Unvermögen, seine eigene Unkenntnis einzugestehen und daran zu arbeiten, sich zu bessern?

Ich muss mich freimachen, von jeglichen Vorurteilen, von jeglichen Wahrheiten, welche ich zu haben glaube. Erst dann kann ich, zwar nur ansatzweise, wertfrei den vor mir liegenden Gegenstand, die Technologie, betrachten und einen rationalen Dialog darüber führen.

Technologie wird aber noch zu viel mehr in der Lage sein. Wir werden Krankheiten ein für alle Mal besiegen. Wir werden schneller Wissen erlangen und schneller Sprachen erlernen können. Wir werden uns von der Last der Arbeit befreien und so leben können, wie wir es uns als Kinder immer erträumt haben.

All diese Wünsche stecken in uns seit unserer Kindheit und schlummern seitdem. Wir müssen sie nur erwecken. Wir dürfen wieder träumen.

Eines dürfen wir aber bei all diesen Wünschen und Träumen nur nicht vergessen: Mitgefühl und Verantwortung. Auch die Superhelden unserer Kindheit wussten das und haben sich stets für ihre Mitmenschen eingesetzt. Als Transhumanisten wollen wir nicht nur für uns selbst ein besserer Mensch sein, sondern auch für unsere Mitmenschen. Darüber hinaus wollen wir auch, dass sie dieselben Möglichkeiten haben wie wir, sich zu verbessern. Wir möchten, dass wir alle Superhelden sein können, dass wir alle morgen über die Grenzen des Heute hinauswachsen können. Es gilt also, wissenschaftlichen Fortschritt jedem Menschen auf der Welt gleichermaßen verfügbar zu machen. Wir sind alle Teil derselben Spezies und sollten auch dementsprechend handeln.

Nun könnte man mir vorwerfen, ich habe nur von den Chancen gesprochen. Ja, das habe ich. Ich will Technologie aus einem Blickwinkel betrachten, der in der Gesellschaft nur selten vertreten wird. Dies ist ein Artikel, der dazu motivieren soll, die Perspektive zu wechseln, einmal den Platz im Raum zu wechseln. Wenn ich das bei dir nach diesem Artikel erreicht habe, heißt das nicht, dass Du oder ich die Risiken und Gefahren ausblenden. Es heißt, dass wir es geschafft haben, einen Gegenstand von beiden Seiten zu betrachten, um einen vernünftigen Dialog zu führen.

Deshalb bin Ich, bist Du, seid Ihr, sind Wir: Transhumanisten. Denn mal ehrlich: Transhumanist sein ist cool.

 

*Dieser Artikel ist eine persönliche Meinung des Autors und soll als Diskussionsgrundlage, oder um Aufmerksamkeit auf dieses Thema zu lenken, genutzt werden. Die hier dargelegten Standpunkte stellen nicht zwangsläufig die der TPD dar.

Lucas Steinführ