technologischer Fortschritt

Was tun auf rauer See?

Wir leben in wahrlich interessanten Zeiten. Keiner Generation des Menschengeschlechts war es zuvor vergönnt, den technologischen Fortschritt und die damit einhergehenden globalen Veränderungen auf eine solch persönliche Weise mitzuerleben. Die einstigen Fiktionen der Wissenschaft sind Teil des Alltags geworden und Dinge, welche uns noch heute visionär und befremdlich anmuten, können schon morgen Realität sein.

Es ist keine Frage, ob sich die Welt verändern wird oder wann, sondern vielmehr, wie man der rasanten technologischen Entwicklung begegnen möchte. Wird man sie willkommen heißen und ihre reichhaltigen Möglichkeiten nutzen oder sucht man sein Heil in Rückzug und Resignation, Konservatismus – dem beständigen Versuch, sich an althergebrachte Konzepte zu krallen?

In unserer Gesellschaft herrscht leider der Gedanke vor, dass Veränderungen grundsätzlich schlecht sind, da sie den Einzelnen dazu nötigen, sich anzupassen, was ein anstrengender und damit nicht erstrebenswerter Zustand ist. Anpassung widerspricht dem hedonistischen Grundkalkül, welches sich nach Jahrzehnten des Wohlstands in die Herzen der Menschen schlich.
Doch von moralischen Implikationen abgesehen ist die wesentlich interessantere Frage, ob der Konservatismus überhaupt erfolgversprechend ist und welche Folgen eine breite Technologieskepsis für unsere Gesellschaft bedeutet.

Auf ewig ankern?

Betrachtet man einmal die Grundidee des Konservatismus, so zeigt sich recht schnell, dass dieser sich selbst ad absurdum führt. So bedient er sich eines willkürlich gewählten Standpunktes innerhalb einer Entwicklungslinie. Zu bewahren ist der aktuell herrschende Zustand, weil er als eine Art natürlicher Ursprungszustand wahrgenommen wird. Dass dieser Punkt der menschlichen Historie jedoch lediglich das Ergebnis einer unsäglich langen Kette von Veränderungen darstellt, wird außer Acht gelassen. Die Perspektive des Individuums beschränkt sich auf die persönliche Erfahrungssphäre. Unfähig, sich die Menschheit und ihre lange Geschichte in ihrer Gesamtheit zu vergegenwärtigen, bemüht man sich, die bekannte Empirie aufrechtzuerhalten. Das Bekenntnis zum Konservatismus besitzt damit in etwa dasselbe moralische Gewicht, wie die Forderung, alle Menschen haben doch grüne Schuhe zu tragen, weil dies dem persönlichen Lebensumfeld entspricht.

Gesellschaftlich gesehen führt ein breit angelegter Konservatismus, dem eigentlich die Idee zugrunde liegt, den Menschen vor der Beherrschung durch die Maschine zu bewahren, jedoch zu einem ganz anderen interessanten Effekt.
Bekanntermaßen dient Moral den Massen zur Orientierung. Auf der individuellen Ebene steht für jeden Menschen jedoch vornehmlich der persönliche Vorteil im Vordergrund. Moralische Dogmen werden ausschließlich aus Angst vor sozialer Repression befolgt. Beim gemeinen Bürger, welcher nicht über die Mittel verfügt, gesellschaftliche Dogmen nach eigenem Gutdünken zu durchbrechen, ist diese Diskrepanz häufig nur von geringem Gewicht. Ist es ihm doch nicht möglich, sich gegen herrschende Moralvorstellungen zu stellen, ohne unter den sozialen Sanktionen zugrunde zu gehen. Bei den Macht und Finanzmittel akkumulierenden Eliten sieht dieser Sachverhalt jedoch gänzlich anders aus. Können diese doch problemlos sämtliche moralischen Grundkonzepte aushebeln, ohne Nachteile fürchten zu müssen.
Wenn unsere Gesellschaft sich weiterhin am Grundkalkül des Konservatismus festkrallt, so mag die bürgerliche Gesellschaft in ihrer Gesamtheit die technologische Entwicklung zwar ablehnen, die Eliten jedoch werden, sich nicht um den einfachen Bürger kümmernd, neue Technologien entwickeln, welche es ihnen erlauben, für den persönlichen Vorteil weiter Macht und Finanzmittel anzuhäufen.
Kurzum: Konservatismus in der Politik führt mitnichten zur Befriedigung der mit dem Bewahren des Status quo einhergehenden infantilen Nostalgie, sondern vielmehr zu einer Gesellschaft, in der die technologische Entwicklung weiterhin fortschreitet, jedoch ausschließlich von einer kleinen egomanischen Elite kontrolliert wird.

Die technologische Entwicklung aufhalten zu wollen, ist offensichtlich mehr Wunschtraum als reale Option. Führt sich die konservative Gesellschaft doch selbst ad absurdum, in ihrem Bestreben, durch Blockade die Versklavung des Menschen durch die Maschine zu unterbinden, nur um letztlich die Versklavung des Menschen durch den Menschen mithilfe der Maschine herbeizuführen.
Konservatismus ist damit ein Bekenntnis zur Unterwerfung, der Despotie und der Vernichtung.

Diese Einsicht mag erschütternd und deprimierend sein, doch ist sie der erste Schritt in die richtige Richtung. Um einen Fehler zu beheben, muss man den Fehler schließlich zunächst einmal erkennen.

Darum betrachten wir doch einmal die gegensätzliche Option.

Lernt zu segeln!

Die technologische Entwicklung willkommen zu heißen, ist rein abstrakt gesehen nur logisch, impliziert dieser Ansatz doch, anzuerkennen, dass man aus einer unsagbar langen Kette logischer Abläufe hervorgeht und sich dafür einsetzt, diese logische Kette konsequent fortzuführen. Ein Bekenntnis zur Entwicklung ist gewissermaßen ein Bekenntnis zur Natur an sich, die sich auch vor der Existenz unserer Spezies beständig verändert hat und auch nach unserem Dahinscheiden weiter verändern wird.
Auch führt eine progressive Denkrichtung zu einer Erweiterung des Geistes. Wer wissen will, wohin er geht, muss zunächst einmal verstehen, woher er kommt. Der Wille zur Gestaltung der Zukunft erfordert ein abstraktes Verständnis des Universums, der Menschheit in ihrer Gesamtheit und der Geschichte. Progressives Denken führt neben den intellektuellen Effekten damit logisch zu einem Bekenntnis zur Menschheit an sich und einem Gefühl der Einheit mit den anderen Individuen der eigenen Spezies.

Neben dieser abstrakten Ebene wird sich der geneigte Leser nun aber vornehmlich für die Frage der gesellschaftlichen Implikationen einer progressiven Denkrichtung interessieren. Um darauf einzugehen, bedarf es zunächst einmal des rechten Begriffes, denn progressive Denkrichtungen sind immer Produkte ihrer Zeit. Sie verändern sich, entwickeln sich weiter und führen zu neuen Perspektiven auf die Welt.

Die griechische Philosophie, der Humanismus oder die Aufklärung waren zu ihren Zeiten wirkmächtige progressive Richtungen, doch sind sie auf die Erfordernisse der modernen Welt nicht mehr in ihrer ursprünglichen Bedeutung anwendbar. So wie diese Richtungen aufeinander Bezug nahmen und alte Erkenntnisse immer wieder in den Bezug zu einer neuen Zeit setzten, haben auch die Menschen unserer Epoche, aufbauend auf der Weisheit der Vorfahren, eine neue Denkrichtung im Kontext der Erfordernisse der gegenwärtigen Zeit hervorgebracht.

Der Progressivismus unserer Zeit heißt „Transhumanismus“.

Transhumanismus, d. h. ein Bejahen des Fortschritts und der Anerkennung alter Weisheit. Aufbauend auf den Erkenntnissen über die Beschaffenheit des Universums, das Wesen des Menschen und den Wert des Lebens wendet er sich im Schulterschluss mit der wissenschaftlichen Erkenntnis den Fragen einer neuen Ära zu.
Im Zentrum steht die Überschreitung des menschlichen Status quo, die Überwindung existenzieller Grenzen mit Hilfe von Technologie. Wie unsere Vorfahren bedienen wir uns natürlicher Ressourcen zur Schaffung von Werkzeugen, welche uns das Leben erleichtern. Feuer, Bogen und Faustkeil heißen heutzutage zwar Robotik, Genetik und KI, doch die grundlegende Idee hat sich in keinster Weise verändert.

Transhumanismus impliziert eine Erweiterung des menschlichen Potenzials – sowohl körperlich als auch intellektuell. Denn wer die Maschine erschaffen und beherrschen will, muss sie zunächst einmal verstehen. Und wer die Menschheit in eine bessere Zukunft führen will, muss geistige Barrieren durchbrechen und philosophische Grundsätze zur Überwindung destruktiver menschlicher Tendenzen wie Hass, Gewalt und Neid entwickeln.

Um jedoch auf die ursprüngliche Argumentation zurückzukommen, wollen wir an dieser Stelle nun betrachten, wie sich eine technoprogressive ergo transhumanistische Gesellschaft weiterentwickeln wird.

Auf zu neuen Ufern!

In einer Gesellschaft, welche sich zu Fortschritt, Veränderung und Technologie bekennt, stellt umfassende Bildung nicht nur ein Grundrecht sondern eine Notwendigkeit dar. Technologische Entwicklungen müssen nicht blind hingenommen werden, sondern können hinterfragt, analysiert und modifiziert werden. Das Wissen über die Erschaffung neuer Technologien liegt nicht in den Händen kleiner machthungriger Eliten, sondern steht jedem Bürger offen. Die Beherrschung des Menschen durch elitäre Technologien ist kaum noch möglich, da gefährliche Neuentwicklungen sehr schnell erkannt und demontiert werden können. Nützliche Technologien wiederum können im großen Stil von anderen Gruppen aufgegriffen und verbessert werden.
Der Mensch erhält die Möglichkeit, sich gänzlich frei zu entfalten, sofern er seinen Mitmenschen keinen Schaden zufügt. Aggressive Tendenzen werden schnell durch eine Gesellschaft sanktioniert, in der jeder über die Mittel dazu verfügt, despotische Tendenzen zu zerschlagen. Produktive Selbstentfaltung wiederum wird Nachahmer anregen, sei es durch Inspiration oder Neid, welche sich in Folge der Imitation selbst verbessern und die damit einhergehenden Verbesserungen weiterentwickeln können.

Transhumanismus bedeutet damit die Demokratisierung des Wissens. Die Menschheit wird zu einem kollektiven Forschergeschlecht, in dem jedem Individuum die Möglichkeit eröffnet wird, sein eigenes Dasein in einer die Gesellschaft nicht schädigenden Weise zu entfalten. Forschung dient nicht mehr wirtschaftlichen Interessen oder der Unterwerfung der Massen, sondern der persönlichen Entwicklung.

Auch wenn es absurd anmuten mag, führt die konservative Gesellschaft notwendig zu einer Unterwerfung durch die Technologie, wohingegen die progressive Gesellschaft in eine Unterwerfung der Technologie mündet.

Darauf aufbauend zeigt sich der Transhumanismus – als die progressive Denkrichtung unserer Zeit – in einem gänzlich neuen Licht. Er stellt unter der Prämisse einer zu erhaltenden freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft nicht etwa eine philosophische und politische Alternative dar, sondern die einzige Option.
Wem am Wohlergehen unserer Spezies gelegen ist, wer die Welt zu einem besseren Ort machen will, das Leben schützen, die Freiheit ermöglichen und die Erkenntnis über das Universum vorantreiben, der muss notwendig ein Transhumanist sein.
Wer sich wiederum dem Transhumanismus entgegenstellt, der ist offensichtlich ein Feind aller genannten Dinge.

Warum weht dem Transhumanismus dann solch ein scharfer ideologischer Wind seitens herrschender Eliten und verschworener Gemeinschaften entgegen? Egal ob dahinvegetierende Parteifunktionäre, narzisstische Usurpatoren oder religiöse Fanatiker – sie alle sind vereint in ihren Bestrebungen, dem progressiven Denken Einhalt zu gebieten.
Doch die Antwort darauf ist einfach, besitzt der Transhumanismus doch einen entscheidenden Nachteil. Er führt zu Aufklärung und geistiger sowie körperlicher Befreiung und bekanntermaßen sind aufgeklärte Geister ausgesprochen schwer zu beherrschen. Auch legt er die Entscheidungsgewalt in die Hand aller Menschen, die mit den nötigen Werkzeugen der Befreiung ausgestattet, keine Unterjochung mehr zu dulden bereit sind.

Darum fürchtet jene, die den Rückschritt predigen und euch den Zugriff auf die selbst geschaffenen Werkzeuge der Menschheit vorenthalten wollen, denn in ihren Herzen ruht der innige Wunsch, euch zu versklaven.

 

Dieser Artikel ist eine persönliche Meinung des Autors und soll als Diskussionsgrundlage, oder um Aufmerksamkeit auf dieses Thema zu lenken, genutzt werden. Die hier dargelegten Standpunkte stellen nicht zwangsläufig die der TPD dar.

Matthias Schillig