Live Escape Games

Nicht nur werden Dinge aus dspieler realen Welt virtualisiert, auch eine Rückübersetzung ist möglich. So sind Mini-Pointandclick Adventure aus dem Internet, in denen es darum geht aus einem Raum zu entkommen, seit ca. 10 Jahren auch Live spielbar.

Im Gegensatz zu dem schlechten Ruf von Filmen, deren Handlung einem Computerspiel entnommen ist, scheint die Übersetzung von Computerspiel in LARP etwas zu taugen.

Wie das Room Escape Göttingen z.B., aus dem die Bilder für diesen Artikel stammen.

Ähnlich wie im Liverollenspiel, ist die Handlung in eine Geschichte eingebunden, in die man durch eine entsprechende Kulisse voll und ganz eintauchen kann. Und natürlich sind dabei auch die Mitspieler entscheidend, denn man sitzt nicht wie üblich allein vor dem Computer sondern ist durchschnittlich zu viert unterwegs.

In der Regel gibt es ein zeitliches Limit, in der das Rätsel gelöst sein muss. Das erschafft einen starken Fokus auf das Spiel und garantiert bei gut gemachten Rätseln volle Unterhaltung.

Haben uns die Computerspiele vielleicht geholfen, auch abseits des Computers die Freude für das Spiel neu zu entdecken? Oder ist das nur eine Nebenwirkung des Kapitalismus, der uns die Welt durch eine umfassende Verfügbarkeit von Gütern (vorausgesetzt man hat das entsprechende Kapital) wie einen Vergnügungspark erscheinen lässt?
Denkbar ist auf jeden Fall, dass eine Übersetzung von einem Medium in das andere seine Spuren hinterlässt.

Dass wir also anfangen, uns in der realen Welt zu verhalten, so als wäre es eine virtuelle, wie auch die virtuelle Welt teilweise eine Simulation der Realen ist.

Fangen wir unbewusst an, unser Leben so zu leben, so als wäre es eine Simulation? Oder ermöglicht uns das begehen von virtuellen Welten auch im realen Leben spontane Verhaltensänderungen, dadurch dass wir einen Teilbereich zum Spiel erklären?

 

Verschiedene Arten zu Spielen?

Es gibt sicherlich verschiedene Arten ein Spiel zu nutzen. Man kann sich passiv berieseln lassen, also das Spiel zur Zerstreuung nutzen, man kann über das Spiel das soziale Miteinander in einer Gruppe stärken, man kann eine Art Wettkampf austragen und so verbissen um den Sieg kämpfen und man kann das Spiel als Experimentierfläche nutzen.

Wahrscheinlich gibt es noch viele andere Möglichkeiten.

In der Kybernetik (übersetzt Steuermannskunst) geht es darum, dass ganze Systeme verschiedener Art durch Mechanismen gesteuert werden, die im Vergleich zum System mikroskopisch klein sind.

Statt wahr und falsch als normative Ausdrücke einer tieferen Wahrheit zu sehen, denkt die kybernetische Perspektive sie einfach als 2 Zustände einer Schaltung, die zufälligerweise so definiert sind und genauso gut 0 und 1 oder auch rot und blau hätten heißen können.

Bedeutungen hängen also mit einem konkreten Kontext zusammen, man könnte auch sagen, werden in einem bestimmten Raum zugewiesen. Dies hat doch große Ähnlichkeiten mit dem Spielraum, von dem wir oben gesprochen haben.

Das Medium Spiel ist also sehr vielseitig einsetzbar und es fällt schwer ein Gegenteil von Spiel zu finden.

 

Das Gegenteil von Spiel?

Sucht man nach dem Gegenteil von Spiel, würden viele Menschen sagen, das Gegenteil von Spiel ist Ernst. Definieren wir Spiel als eine Handlung, die nur symbolischen Charakter hat, stoßen wir auf folgendes Problem: Obwohl Symbole in jedem Spiel vorkommen, so haben wir weiter oben gesehen, dass Symbole sich dazu eignen, große Systeme zu steuern.

Der Unabomber, Ted Kaczynski, war der Meinung, das Internet sei vor allen Dingen deswegen gefährlich, weil fortgeschrittene Technologie die Eigenschaft habe, den Menschen zum Werkzeug seiner selbst zu machen, obgleich er glaubt die Technik zu kontrollieren. Er legte seine Professur als Mathematiker nieder und zog in den Wald um dort Briefbomben zu bauen und verschiedene Personen anzugreifen, deren Ideen er für gefährlich hielt.

In einem Brief redet er von einem “gefährlichen Spiel, was die höhere Mathematik treibt”

weiterhin schreibt er:

“Sie sollten sich nicht darum sorgen, dass die Wissenschaft zu wenig weiß, sondern darum, dass sie möglicherweise zu viel weiß.”

Nun sei angemerkt, dass der Terrorismus des Unabombers ebenfalls wie eine symbolische Handlung (so haben wir eben Spiel definiert(!) ) erscheinen muss, musste er sich doch im klaren sein, dass seine Briefbombenattentate bestenfalls zu Headlines in der Zeitungen führten und letztendlich nichts anderes bewirkten als einzelnen Personen großes Leid zuzufügen.
Den Fortschritt kann man so nicht aufhalten.

Selbst wenn er von dem Sieg seiner Sache überzeugt war, so doch nur, weil er sich erhoffte durch die Signalwirkungen seiner Taten andere Menschen steuern zu können. Auch dies kommt unserer bisherigen Vorstellung von Spielen gefährlich nahe beziehungsweise basiert auf der Existenz von Medien, die über die Taten berichten.

War es vielleicht sein Spielziel, als großer Terrorist in der Zeitung aufzutauchen? Oder ging es ihm um das Katz und Mausspiel mit dem FBI? Wollte er bloß, dass sein Manifest abgedruckt werden würde – was ihm ein Jahr vor seiner Festnahme gelang? In diesem Fall erscheint merkwürdig, dass er dies erst nach fast 20 Jahren Terror forderte.

Wir sehen also, so einfach ist die Grenze zwischen Spiel und Ernst nicht zu ziehen.

 

Erwachsener sein durch Spielen?

Haben sie sich ertappt wie einfach es ist in die Welt des Unabombers zu rutschen und die heilige Grenze zwischen Spiel und Ernst verteidigen zu wollen, die das böse Internet bedroht?

Dann halten sie einen Moment inne. Der einzige klare Gewalttäter war in diesem Artikel der paranoide Waldschrat (Ted Kaczynski) und sonst niemand.

Eigentlich wissen wir, dass Menschen zu allen Zeiten bereit waren, einander zu töten weil sie sich von den ausgesprochenen Worten beleidigt fühlten. Dies betrifft insbesondere Menschen, die an heilige Worte glauben, also bestimmten Definitionen normativen Charakter zuweisen.

„Wenn ich behaupten würde, dass es zwischen Erde und Mars eine Teekanne aus Porzellan gäbe, welche auf einer elliptischen Bahn um die Sonne kreise, so würde niemand meine Behauptung widerlegen können, vorausgesetzt, ich würde vorsichtshalber hinzufügen, dass diese Kanne zu klein sei, um selbst von unseren leistungsfähigsten Teleskopen entdeckt werden zu können. Aber wenn ich nun zudem auf dem Standpunkt beharrte, meine unwiderlegbare Behauptung zu bezweifeln sei eine unerträgliche Anmaßung menschlicher Vernunft, dann könnte man zu Recht meinen, ich würde Unsinn erzählen. Wenn jedoch in antiken Büchern die Existenz einer solchen Teekanne bekräftigt würde, dies jeden Sonntag als heilige Wahrheit gelehrt und in die Köpfe der Kinder in der Schule eingeimpft würde, dann würde das Anzweifeln ihrer Existenz zu einem Zeichen von Exzentrik werden. Es würde dem Zweifler in einem aufgeklärten Zeitalter die Aufmerksamkeit eines Psychiaters einbringen oder die eines Inquisitors in früherer Zeit.“
– Bertrand Russell: Is There a God?

Russells Teekanne steht natürlich für eine unendlich große Zahl von Dingen, deren Existenz man sich ausmalen und nicht widerlegen kann. … Russells entscheidende Aussage lautet: „Die Beweislast liegt nicht bei den Ungläubigen, sondern bei den Gläubigen..“ – übersetzt aus Richard Dawkins: The God Delusion

„Organisierte Religion verdient aus dem Grund offene Feindschaft, dass Religion, anders als der Glaube an Russells Teekanne, mächtig, einflussreich und steuerbefreit ist und systematisch an Kinder weitergegeben wird, die zu jung sind, um sich dagegen zu wehren. Kinder sind nicht gezwungen, ihre prägenden Jahre damit zu verbringen, verrückte Bücher über Teekannen auswendig zu lernen. Staatlich subventionierte Schulen schließen keine Kinder vom Unterricht aus, deren Eltern das falsche Aussehen der Teekanne bevorzugen. Teekannen-Gläubige steinigen keine Teekannen-Ungläubigen, Teekannen-Renegaten, Teekannen-Ketzer und Teekannen-Lästerer zu Tode. Mütter warnen ihre Söhne nicht davor, Teekannen-Schicksen zu heiraten, deren Eltern an drei Teekannen statt an eine glauben. Leute, die ihre Milch zuerst einschenken, schießen nicht jenen, die den Tee zuerst einschenken, die Kniescheiben weg.“
– übersetzt aus Richard Dawkins: A Devil’s Chaplain: Selected Essays

Anstatt das Internet also als gefährliche Parallelwelt zu sehen, ist es für mich die Chance endlich zu erkennen, dass Worte eben nichts anderes sind als Worte.

Der US-Amerikaner sagt: “Sticks and stones will break my bones but words can never hurt me”.

Es bleibt zu wünschen dass einige Personen auf diesem Planeten mal über die simple Logik dieser Worte nachdenken.

 

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Dieser Artikel ist eine persönliche Meinung des Autors und soll als Diskussionsgrundlage, oder um Aufmerksamkeit auf dieses Thema zu lenken, genutzt werden. Die hier dargelegten Standpunkte stellen nicht zwangsläufig die der TPD dar.

Johannes Wolpers