von Steven Bärwolf

Transhumanisten, Transhumanismus

Wird der Mensch mithilfe neuer Technik schon bald über sich selbst hinauswachsen?

Einführung

Es ist Donnerstag, der 12. Juni 2014, als ein Milliardenpublikum dabei zusieht, wie ein querschnittsgelähmter Jugendlicher den symbolischen Anstoß zur 20. Fußballweltmeisterschaft ausführt – mithilfe eines Exoskeletts, das er allein mit seinen Gedanken steuert.
Moderne Prothesen, Orthesen, Implantate und Roboteranzüge können Betroffenen bei einer Vielzahl körperlicher Beeinträchtigungen helfen, die Folgen einer Erkrankung zu mildern und das Leben im Alltag deutlich zu erleichtern. Fast täglich kann man neuste medizinische Erfolge auf diesem Gebiet nachlesen: Von Nervenregeneration und Neuroprothesen über Netzhaut-Chips, Cochela-Implantate sowie künstliche Herzen bis hin zu bionischen Prothesen aus dem 3D-Drucker und Exoskeletten, die zusätzliche Kraft verleihen.
Die Verschmelzung von Mensch und Technik hat bereits begonnen und schreitet beschleunigt voran. Lesebrillen werden schon seit über 700 Jahren getragen und immer mehr Menschen kommen heute sowie in naher Zukunft in den Genuss von neuartigen Prothesen und Implantaten zur Wiederherstellung bzw. Verbesserung ihrer Gesundheit oder gar zur Veränderung ihres Aussehens oder zur Erweiterung ihrer Sinne und Gehirnfunktionen.
Wenn ein Computer über Elektroden Hirnströme lesen und deuten kann, vermag er aber nicht nur Gelähmten die natürliche Beweglichkeit zurückzugeben; wenn ein Neuroimplantat die Leistungsfähigkeit des Gehirns verbessern kann, so profitieren nicht nur Parkinson-Patienten davon. Die neuen Errungenschaften der Medizin können auch Gesunden zu übermenschlichen Kräften verhelfen.
Doch diese Tatsache, dass auch Gesunde, ganz normale Menschen, im Prinzip von neuen medizinischen Entwicklungen profitieren können, wirft teilweise ein moralisches Dilemma auf; zumal viele Fragen bezüglich Sicherheit, Eigentumsrechten, Kosten, Abhängigkeiten und morphologischer Freiheit lange noch nicht geklärt sind.
Besonders der Informatik kommt bei der Diskussion um Möglichkeiten und Chancen einerseits sowie Verantwortung und Risiken von Implantaten und Prothesen andererseits, eine entscheidende Bedeutung zu, da sie wesentliche Elemente zur technischen Umsetzung zahlreicher neuer Erfindungen zur Verbesserung der Lebensqualität auf diesem Gebiet liefert.

Zum Transhumanismus

Der Wissenschaft wachsen langsam, aber zunehmend schneller, die Mittel zu, das Ziel eines „Übermenschens“ tatsächlich zu erreichen – allerdings keineswegs immer ethisch unbedenklich und ohne gewisse Risiken. Was müssen wir also heute tun, um für morgen vorbereitet zu sein? Welche Fragen müssen wir jetzt stellen, um in Zukunft, und vor allem rechtzeitig, Antworten zu haben?
Eine philosophische Denkrichtung, die dabei regelmäßig im Gespräch ist, ist der „Transhumanismus“, der im Allgemeinen unter anderem die Grenzen menschlicher Möglichkeiten durch den Einsatz von Wissenschaft und Technologie erweitern möchte.
Der australischer Medizin-Ethiker Julian Savulescu (geboren 1963) sieht es sogar als unsere moralische Pflicht an, die Menschheit zu optimieren. Auch abseits der reinen Biologie bringt nach Überzeugung des bekannten US-amerikanischen Autoren, Erfinders und Futuristen Raymond „Ray“ Kurzweil (geboren 1948) vor allem die molekulare Nanotechnologie die abschließende Verwandlung des Menschens in ein Superwesen, wobei bereits in 10 bis 20 Jahren winzige Roboter schrittweise die Funktionen biologischer Organe erweitern oder sogar ganz übernehmen und übertreffen sollen.
Obwohl der Transhumanismus keine vollkommen homogene Strömung ist, eint Transhumane bzw. Transhumanisten weltweit im Allgemeinen das Streben nach einem langen, gesunden und lebenswerteren Leben sowie eine positive Entwicklung von Mensch und Gesellschaft durch Wissenschaft und Technik; auf dieser Grundlage lassen sich einige charakteristische Merkmale dieser philosophischen Denkrichtung herausstellen.
Der Transhumanismus orientiert sich an vielen modernen humanistischen Idealen (wie der rationalen Vernunft oder einer umfassenden Bildung) sowie der Anerkennung und der respektvollen Wertschätzung allen Lebens – sei es menschlicher oder nichtmenschlicher Art. Darüber hinaus hält er wissenschaftlichen, technologischen aber auch gesellschaftlichen Fortschritt sowie ein glückliches, selbstbestimmtes und erfülltes Leben in Gesundheit, Wohlstand und Freiheit, dazu im Einklang mit der Natur, für erstrebenswert; und zwar ohne spezielle Ausnahmen und ohne Zwänge, ohne willkürlich gezogene Grenzen oder ideologische Beschränkungen.
Im Angesicht einer sich immer schneller und tiefgreifender ändernden menschlichen Umwelt erkennt der Transhumanismus die radikalen und weitreichenden Änderungen in Beschaffenheit und Möglichkeiten des Lebens durch Forschung, Wissenschaft und Technologie sowie die Bedeutung und Chancen einer global vernetzten heterogenen Weltgemeinschaft. Er setzt sich daher dafür ein, gegenwärtige und erwartende zukünftige Entwicklungen sowie ihre Auswirkungen rational und systematisch zu erforschen und bei der Zukunftsplanung zu berücksichtigen, damit deren Möglichkeiten sinnvoll für die Gesellschaft nutzbar gemacht sowie verantwortungsvolle Entscheidungen mit Weitblick getroffen werden können. Der Transhumanismus definiert sich dabei außerdem und auch gerade deshalb durch eine vielfältige, soziale und freiheitliche Gemeinschaft, die sowohl Basis als auch Ziel von Befähigung und Entwicklung ist.
Unter Beachtung eventueller Risiken und ethischer Aspekte tritt der Transhumanismus im Sinne einer „Verpflichtung zum Fortschritt“ dafür ein, die Grenzen menschlicher Möglichkeiten durch den Einsatz neuer technologischer Verfahren und wissenschaftlicher Erkenntnisse zu erweitern. Dies soll es jedem Menschen in Zukunft ermöglichen, seine Lebensqualität individuell zu verbessern sowie seine physischen und geistigen Fähigkeiten selbst bestimmen und bisher grundlegende menschliche Einschränkungen überwinden zu können.
Eines ist jedenfalls klar: Die Welt verändert sich seit jeher, Wandel und Veränderung sind grundlegende Bestandteile unseres Lebens; auch Menschen und ihre Möglichkeiten werden sich verändern. Die Frage ist nur: Wie können wir dies für uns positiv nutzen?

Bemerkung:

Dieser Artikel ist der 1. Teil eines Gesamtartikels, welcher zuerst in der Ausgabe 2/2016 der Fachzeitschrift „FIfF-Kommunikation Zeitschrift für Informatik und Gesellschaft“ veröffentlicht wurde.
Dieser Artikel ist eine persönliche Meinung des Autors und soll als Diskussionsgrundlage, oder um Aufmerksamkeit auf dieses Thema zu lenken, genutzt werden. Die hier dargelegten Standpunkte stellen nicht zwangsläufig die der TPD dar.

Die drei Teile des Artikels sind auch auf unserer Webseite zu finden:

Teil 1
Teil 2
Teil 3

Steven Bärwolf