morphologische Freiheit

Was ist morphologische Freiheit?

Was bedeutet morphologische Freiheit?

Das Konzept der morphologischen Freiheit wurde in den 90ern vom transhumanistischen Philosophen Max More (geboren 1964) geprägt, und meint die Freiheit, den eigenen Körper durch Technologie nach Belieben verändern zu dürfen. Seine Begründung erfährt das Prinzip der morphologischen Freiheit im Recht auf persönliche Freiheit und Selbstbestimmung. Als unumstrittener Eigentümer seines Körpers soll jeder Mensch, so weit wie vernünftig und praktisch möglich, über eben diesen verfügen, und ihn nach seinen eigenen Vorstellungen verändern dürfen.

Morphologische Freiheit als politische Forderung

Die Forderung nach morphologischer Freiheit müsste sinnvoller Weise die Forderung nach einem Recht sein. Stefan Lorenz Sorgner will sie als Menschenrecht [1]. Wenn wir sie einfach nur als negative Freiheit [2] definieren, dann wäre die Frage „Gegen wen wollen wir sie verteidigen – wer ist in der Position morphologische Freiheit einzuschränken?“ zu beantworten. Sollte es schon heute für reiche Menschen möglich sein, ihren Körper frei nach ihren Wünschen zu verändern – und ich vermute mal, Michael Jackson wurde von niemandem daran gehindert, vom Dunkelhäutigen zum Weißhäutigen zu transformieren – dann rennen wir mit der Forderung nach negativer morphologischer Freiheit bloß offene Türen ein. Aber ich gebe zu, hier fehlen mir Informationen. Sollte es wirklich der Fall sein, dass Reiche mit einem noch so dicken Geldbündel wedeln könnten und dann doch von der Polizei von ihrem Vorhaben abgehalten werden, dann brauchen wir natürlich die Forderung.
Aber ich denke, hier sollte es dennoch um mehr gehen. Es nützt mir nichts, wenn mir niemand verbietet, zu fliegen und ich dennoch Zeit meines Lebens keine Flügel erhalten werde, um von dieser negativen Freiheit Gebrauch zu machen. Vielmehr muss es auch darum gehen, dass die medizinischen Errungenschaften und technischen Möglichkeiten des Menschen allen selbstverständlich zur Verfügung stehen: also um die Realisierung positiver Freiheit. Und diese Forderung macht den Transhumanismus zu einer politischen Bewegung für Chancengleichheit und Gerechtigkeit.

Freiheit geht immer mit Verantwortung einher

Anlässlich des Beitrags „Implantate und Prothesen aus einer transhumanen Perspektive“ [3] erscheint es mir unerlässlich, ein Hauptaugenmerk auf die Verantwortung zu legen. Meiner Ansicht nach ergeben sich drei Hauptpositionen und damit Perspektiven, aus deren Warte die Verantwortung ersichtlich wird:

1. die Personen, die die Körperveränderung wünschen
2. die Personen, die die morphologische Freiheit gewähren, bzw. nicht einschränken
3. die Personen, die die praktische Umsetzung ermöglichen

Das m.e. wichtigste Ausschlusskriterium für Verantwortung ist die Reversibilität in Abhängigkeit zu den aufgewendeten Ressourcen: könnte jeder Mensch einen Zauberstab schwingen (oder wäre ein Formwandler) und seinen Körper ohne materiellen Aufwand und Ressourcenverbrauch verwandeln und wieder zurückverwandeln, erübrigte sich die gesamte Ethik- und Verantwortungsdiskussion von morphologischer Freiheit. Die Verantwortung und somit der Bedarf an einer ethischen Auseinandersetzung wächst jedoch proportional zur Irreversibilität und zum materiellen Aufwand in Bezug auf Körperveränderungen.

Wie kommt man zu einem Menschenrecht auf morphologische Freiheit?

Man könnte es aus dem Recht auf Leben und dem Recht auf Besitz bzw. Eigentum am eigenen Körper ableiten. ( Hier wäre ein Jurist hilfreich: könnte man sagen, ein Mensch der gerade operiert wird, ist Eigentümer seines Körpers, jedoch nicht Besitzer, denn das ist der Operateur in dem Moment? Ist ein Sklave Besitzer seines Körpers jedoch nicht Eigentümer? )
Von dem Recht auf Leben ausgehend, könnte ich ein Recht auf Gesundheit begründen, denn mit schwindender Gesundheit, schwindet die Möglichkeit, sein Recht auf Leben wahrzunehmen. ( Randnotiz: die Idee von Zoltan Istvan, die Lebenszeit eines Menschen zu schützen, könnte nicht nur für die Langlebigkeitsforschung interessant sein, sondern auch für morphologische Freiheit und Gesundheit, aber darauf möchte ich heute noch nicht eingehen.)

Wie wird „Gesundheit“ definiert bzw. ermittelt?

Dazu sind mir zwei Ansätze bekannt, die in der Medizin gleichermaßen zum tragen kommen: einmal subjektiv: wie fühlt sich jemand, hat er Leidensdruck und wünscht Hilfe ? Und zum anderen empirisch durch Vergleiche. Hier sehe ich vier Möglichkeiten:

1. der Vergleich mit der eigenen Gesundheit: z.b.: gestern konnte ich noch hören, heute bin ich taub.
2. der Vergleich mit der durchschnittlichen Gesundheit anderer : z.b.: ich habe nur 90% Sehvermögen
3. der Vergleich des Gesamtsystems „Körper“: ohne Magen funktioniert ein Körper schlechter, als mit, ohne Herz funktioniert er gar nicht.
4. der Vergleich mit bereits beobachteten Maxima: das höchste verifizierte Lebensalter liegt bei 122 Jahren
Es gibt keinen ethisch zu rechtfertigenden Grund, das Recht auf Leben eines jeden Menschen einzig mittels einer am Durchschnitt definierten Gesundheit zu gewährleisten und Versorgung und Hilfe nur bis zu diesem Durchschnitt bereitzustellen. Eine Verschiebung des Gesundheitsbegriffs vom Durchschnitt zum Maximum könnte ein entscheidender Schritt zur morphologischen Freiheit sein.

Aus 1. lässt sich ein Recht auf Wiederherstellung der eigenen besten Gesundheit ableiten,
aus 2. ein Recht auf mindestens durchschnittliche Körperfunktionen,
aus 3. ein Recht auf ein funktionierendes Gesamtsystem „Körper“ und
aus 4. ein Recht auf maximale Körperfunktionalität.

Der Begriff der Gesundheit beschränkt sich jedoch nicht allein auf den Körper, sondern auch auf das Umfeld, was das ganze Thema noch mal komplexer macht. Meine Ausführungen sind bloß Ansätze auf einer großen Baustelle.

Eine ethische  Problemhierarchie als Zwischenbilanz:

1. so lange nicht jeder einzelne Mensch ein Formwandler ist und Veränderungen vollständig reversibel sind, umfasst die ethische Verantwortung zwei weitere Personengruppen neben dem Individuum, welches seine morphologische Freiheit wahrnehmen will.
2. ich kann von Personengruppe 2 einfordern, dass sie mir Veränderungen nicht verbietet, mir also meine negative Freiheit gewährt, nicht jedoch von Personengruppe 3, dass sie Veränderungen an mir vornimmt.
3. ethisch verpflichten könnte ich Personengruppen 2 und 3, mein Recht auf Leben wahrzunehmen. hier ist die bisherige Vorstellung von Gesundheit willkürlich gesetzt und es gibt keine ethische Rechtfertigung, sie nicht am Maximum statt am Durchschnitt auszurichten.
4. die Forderung: „jeder Mensch darf frei über seinen eigenen Körper entscheiden“ ist ethisch zulässig und Verbote müssen als unzulässig und paternalistisch klassifiziert werden.

Morphologische Freiheit im Widerspruch zu Eugenik

Von dieser Forderung gibt es jedoch beispielsweise keine zulässige Überleitung zur Veränderung an Kindern auf Wunsch der Eltern, da hiermit ein direkter Widerspruch erzeugt wird:
Die betreffenden Kinder dürfen in dem Fall nämlich nicht frei über ihren Körper entscheiden, denn andere entscheiden darüber, was den Paternalismus hintenrum wieder einführt. Die freie Entscheidung über den eigenen Körper als unbedingtes Menschenrecht, schließt zwingend mit ein, dass niemand anderes über einen Körper bestimmen darf, der nicht sein eigener ist.

Der Widerspruch aus 4. wird auch von Herrn Sorgner wahrgenommen und er versucht ihn mit einer Analogie aufzulösen: „Schwieriger wird die Frage nach dem, was man erlauben sollte, vor allem dort, wo Eltern Entscheidungen für ihre Kinder treffen wie im Fall der Erziehung. Ich gehe weiter davon aus, dass zwischen der Erziehung und dem genetischen Enhancement durch Modifikation eine strukturelle Analogie besteht.“ Sie  ist plausibel, da man Erziehung als elterlichen Eingriff in Körper, Geist und Seele des Kindes werten muss und daher nicht einsehbar ist, warum Eltern, denen ein Staat den Eingriff der Erziehung erlaubt, ihnen den Eingriff in die Gene ihrer Kinder durch Technologie verwehrt.
Doch lässt sich „Jeder Mensch darf frei über seinen Körper entscheiden“ nicht auch erweitern zu „Jeder Mensch darf frei über seinen Körper, seinen Geist und seine Seele entscheiden“? Aus materialistischer, wissenschaftlicher Perspektive müsste man Geist und Seele ohnehin als Konstrukte betrachten, die sich auf den Körper reduzieren lassen. Sorgners Analogie taugt also nicht zur ethischen Begründung von Eugenik, sondern im Gegenteil zur ethischen Begründung eines Verbots von Erziehung, sollte die morphologische Freiheit ein unbedingtes Menschenrecht werden!

Die Werte der TPD im Einklang mit morphologischer Freiheit

Nach Ansicht von TPD-Mitgliedern soll sich die Partei an  Eingriffen orientieren, die ein Plus bedeuten  und keinen Schaden verursachen dürfen, es sollen positive Ziele verfolgt werden, die eine Vergrößerung der Freiheit bedeuten. Aber auch Mündigkeit spielt bei den Überlegungen eine Rolle: Mündigkeit definieren wir als Ergebnis von Aufklärung, Wissen und Vorstellungskraft um Konsequenzen. Morphologische Freiheit bedeutet jedoch weiterhin, dass die Freiheit anderer nicht verletzt werden darf, also Menschen in Gemeinschaften keine Veränderungen an sich vornehmen dürfen, die andere in ihrer Freiheit einschränkt.
In den Leitlinien [4] bekennt sich die TPD zur Selbstbestimmung und größtmöglichen, individuellen Freiheit:

Die TPD setzt sich für die größtmögliche Freiheit des Menschen ein, unter der Berücksichtigung des Schutzes des Individuums: Jede Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit eines anderen berührt wird. Einerseits werden wir daran arbeiten, jegliche Form von Diskriminierung, Gewalt und Fremdbestimmung abzuschaffen, zum Beispiel über eine Auflösung persönlichkeitsbeschneidender Geschlechterrollen, andererseits wollen wir speziell die positive Freiheit des Menschen befördern: Freies Denken, freie Meinungen (auch innerhalb der Partei: kein Fraktionszwang), Vielfalt und gestalterische Selbstbestimmung und Verfügung über den eigenen Körper und das eigene Leben.
Langfristig streben wir die Ausweitung einer sicheren technologischen Selbstbestimmung und die Abschaffung allen unfreiwilligen Leids an.
Das Leben, die freie Selbstbestimmung darüber, sowie die Verbesserung des Wohlbefindens aller Individuen stehen für die Transhumane Partei im Mittelpunkt. Daher fordern wir eine konsequente Neuausrichtung des Gesundheitssystems hin zur Entwicklung idealer Gesundheit und Wohlbefinden. Statt einfach nur Krankheiten zu behandeln, sobald diese auffällig werden, setzen wir auf präventive und regenerative Medizin, und auf die jeweils maximale Verlängerung der gesunden Lebensspanne des Menschen. Die Autonomie des Menschen muss so weit gehen, dass dieser sich dazu entschließen kann, sein Leben freiwillig zu beenden, oder die Option der Kryostase wahrzunehmen.
Der Anwendung fortschrittlichster Biotechnologien stehen wir grundsätzlich positiv gegenüber, sofern diese dem Menschen und der Umwelt dienen, und nicht primär durch kommerzielle Interessen motiviert sind.

Herausforderungen und Gefahren

Wenn jeder Mensch frei sein sollte, über Körper, Geist und Seele zu entscheiden, gibt es keine Rechtfertigung dafür, dass Eltern ihren Kindern dieses Recht verwehren dürfen. Und damit weder eine Rechtfertigung für Erziehung, noch für anderweitige Veränderungen, die Kinder nicht frei über ihren eigenen Körper selber entschieden haben. Einziges Hintertürchen: Mündigkeit.
Das Hintertürchen der Mündigkeit ist komplex und gefährlich. Wir könnten argumentieren, dass Menschen, die aus welchen Gründen auch immer ( Alter, geistige oder psychische Reife etc. ) das Menschenrecht der morphologischen Freiheit aberkannt bekommen und in diesen Ausnahmefällen andere Menschen in paternalistischer Weise über sie entscheiden dürften.
Bei einer Definition von Mündigkeit als Aufklärung, Wissen und Vorstellungskraft um Konsequenzen, haben wir das Problem, dass Eltern in Relation zu Ärzten weniger Wissen haben und im Zweifelsfall in Bezug auf eine medizinische Entscheidung für ihr Kind auch entmündigt werden können. Wie weit diese Entmündigung Kreise ziehen könnte, lässt sich schwer vorstellen, aber sie könnte so weit gehen, dass der morphologischen Freiheit vollkommen der Boden entzogen wird, und Menschen eher für unmündig erklärt werden, als gewünschte Veränderungen zu erhalten.

Fordern wir das Recht auf morphologische Freiheit als unbedingtes Menschenrecht, so schließen wir damit gleichzeitig willkürliche Eingriffe an Kindern aus. Doch lassen wir Einschränkungen zu, ebnen wir den Weg für die Gefahr, dass diese Einschränkungen uns zum Verhängnis werden!

Philosophisches Neuland

Zu diesem hochkomplexen und essentiellen Thema hat die TPD noch keine abschließende Position, da die ethische Basis sorgfältig und verantwortungsvoll erarbeitet werden muß. Dieses transhumane Thema ist philosophisches Neuland, denn nie zuvor hat uns als Menschheit Technologie solch eine Macht gegeben. Wir werden uns diesen Herausforderungen stellen, denn es sind noch viele Fragen zu beantworten:
Wie muß ein verantwortungsvoller Umgang mit Gentechnik am Menschen aussehen? Kann ein Menschenrecht auf morphologische Freiheit überhaupt der Weisheit letzter Schluß sein? Oder sollten wir vielmehr ein Personenrecht auf morphologische Freiheit verlangen und andere Spezies mit einschließen? Andere Spezies sind seit Urzeiten Teil unserer Kultur und für Transhumanisten ist absehbar, dass der Mensch mit Hilfe von Technologie andere Spezies erschaffen wird, sich selbst verändern wird und das alte Menschenbild sich wandelt. Brauchen wir in Zukunft universelle Lebensformenrechte ? Einen Einblick in die Komplexität dieses Themas gibt der brandaktuell in demokratischem Verfahren erstellte „Transhumanist Bill of Rights“ [5] der Transhumanist Party der USA . Für weitere Informationen über bereits erarbeitete ethische Grundlagen des internationalen Transhumanismus ist „The Moralphilosophy of Transhumanism“ [6] von Amon Twyman eine empfehlenswerte Lektüre.

 

Dieser Artikel ist eine persönliche Meinung des Autors und soll als Diskussionsgrundlage, oder um Aufmerksamkeit auf dieses Thema zu lenken, genutzt werden. Die hier dargelegten Standpunkte stellen nicht zwangsläufig die der TPD dar.

Quellen:

[1] http://www.zeit.de/2013/20/transhumanismus-philosoph-stefan-lorenz-sorgner

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Negative_und_positive_Freiheit

[3] https://www.fiff.de/publikationen/fiff-kommunikation/fk-2016/fk-2016-2/fk-2016-2-content/fk-2-16-p28.pdf

[4] http://transhumane-partei.de/leitlinien/

[5] http://transhumanist-party.org/tbr-2/

[6] http://ieet.org/index.php/IEET/more/twyman20150301

Anja Esser