von Martin von Berg

Eine Frage der Perspektive

leben als transhumanist

Ich habe mir gedacht, dass es eine gute Idee ist, einmal ein grundsätzliches Statement abzugeben, weswegen ich mich überhaupt für den Transhumanismus allgemein und für die Transhumane Partei Deutschland im Speziellen einsetze. Vielleicht möchte sich ja der Eine oder Andere anschließen:
Alles ist eine Frage der Perspektive. Ich bevorzuge möglichst viele und unter ihnen die weiteste. Damit gehört man zunächst, immer noch und vielleicht auch zukünftig einer Minderheit an, das muss aber nicht per se etwas Schlimmes sein, wenn man die Qualität der Quantität vorzieht.
13,8 Milliarden Jahre hat es gedauert, bis diese Form, die ich “Ich” nenne, entstehen konnte. Zunächst musste sich Materie bilden und einen Tanz in Mustern von Energie vollführen, in Galaxien zusammenballen und im Vergehen von Sternen in die Elemente verwandeln. Sich selbst kopierende Anordnungen mussten entstehen, zu Leben werden und den Millionen von Jahren dauernden Prozess der Evolution durchlaufen. Meine ungezählten Vorfahren mussten sich fortpflanzen und in Kampf und Kooperation mit Ihresgleichen, anderem Leben und den Gewalten des unbelebten Universums bestehen. Und das alles, damit ich entstehe. Und Du. Ich bin der Überzeugung, dass das alles nicht umsonst gewesen sein darf.

Der Sinn des Lebens

Ein ebenfalls philosophisch geneigter Freund hat mir auf meine Frage nach dem Sinn des Ganzen, des Lebens, geantwortet, dass die Sinnfrage keinen Sinn ergebe, da das Wort Sinn nicht auf einen Prozess, der ohne Planung und Zielvorgabe geschieht, angewandt werden könne. Ich sehe das anders. Für mich liegt der Sinn des Lebens im Bewusstsein. Ich bin der Überzeugung, dass die scheinbar willkürlich und planlos ablaufenden Prozesse im Kosmos genau deswegen so sind, wie sind, damit sich der Kosmos selbst in seinem Werden erfahren kann, damit er Freude und Schönheit empfindet, und auch Leid und Hässlichkeit. Und genau das bin ich: ein Stück Kosmos, das sich selbst und den Rest von sich erfährt. Wenn mir etwas heilig ist, dann ist es das: Bewusstsein, und vielleicht noch mehr die Schönheit im Bewusstsein.
Ich will leben, denn ohne Leben kein Bewusstsein. Diese simple Tatsache wird von dualistischen Gläubigen auf verschiedenste Art und Weise verdrängt und es ist mir ein Rätsel, wie ein erwachsener Geist mit der kognitiven Dissonanz zurechtkommt, sich im Angesicht der allgegenwärtigen Vergänglichkeit ein Fortbestehen einer wie auch immer gearteten Seele über den Tod des Körpers hinaus vorzustellen. Es ergibt nüchtern betrachtet einfach keinen Sinn. Für mich ist der Glaube an ein jenseitiges Fortbestehen nicht mehr als ein psychischer Schutzmechanismus in Anbetracht des Todes. Leider führt ein derartiger Glaube allzu oft dazu, dass der eigentliche Wunsch dahinter verzerrt oder sogar geleugnet wird: Unsterblichkeit. Kein Mensch will sterben, wenn er auch nur die Aussicht auf ein halbwegs erträgliches Weiterleben hat. Auf Unsterblichkeit angesprochen erwidern viele, dass es irgendwann genug sei, dass es gut sei, irgendwann zu sterben. Ich frage dann: Willst Du jetzt sterben? Nehmen wir an, Dir geht es in zehn Jahren immer noch gut, Du hast keine Depressionen, bist körperlich fit – willst Du dann sterben? Nehmen wir an, Dir geht es in hundert Jahren noch gut, wirst Du dann wohl sterben oder leben wollen? In tausend Jahren? Anstatt es einfach zuzugeben, werden derartige Gedanken dann als absurd abgetan. Niemand will sterben, der nicht unter Depressionen leidet oder dem sowieso unmittelbar bevorstehenden Tod unter Schmerzen oder geistigem Verfall entgegen geht. Nicht sterben zu wollen ist dasselbe wie die Sehnsucht nach Unsterblichkeit, man muss es nur zu Ende denken. Ich will leben, und zwar für immer. Wenn ich sterbe oder Du stirbst, dann stirbt die ganze Welt, denn es ist der Kosmos selbst, der durch uns stirbt.

Überleben allein ist nicht genug

Doch reicht mir persönlich das bloße Weiterbestehen nicht aus. Ich will wachsen. Ein nicht unwesentlicher Teil der menschlichen Ausnahmestellung im Tierreich liegt darin, dass wir uns die Kindlichkeit im Geiste bewahren können, uns stetig weiterentwickeln können. Mancher behält sich diese Fähigkeit mehr, mancher weniger, doch ich für meinen Teil will lernen, mich zwar an Altem erfreuen, doch das Neue nicht scheuen, sondern ihm mit allem Mut entgegen gehen, den ich aufbringen kann. Ich will morgen mehr sein als heute und neue Erfahrungen machen. Davon hält mich die Vergänglichkeit meiner jetzigen Form ab, beim jetzigen Stand der Dinge werde ich in wenigen Jahrzehnten vergangen sein.
Der Stand der Dinge aber ist alles andere als Stillstand. Die Wissenschaft galoppiert, und wir haben einen Wissensstand erreicht, der uns vor Allem eines erlaubt: den Ausblick auf unbegrenzte Möglichkeiten. Wir verstehen allmählich, wie das Leben selbst funktioniert. Was der Kosmos durch Versuch und Irrtum durch Evolution geschaffen hat, wozu der Kosmos im Leben geworden ist, das wird durch unseren Willen und damit den des Kosmos formbar. Nichts an der Manipulation des Lebens ist “unnatürlich”. Es ist vielmehr der höchste Ausdruck der Natur selbst, derselbe Wille, der sich im Kriechen des Bakteriums zur Nahrung zeigt, ins Vielfache potenziert. Wenn mir irgendwer etwas von Künstlichkeit erzählt, fällt mir das weitere Zuhören schwer. Nichts ist mir künstlich, meine Natur ist größer. Sie umfasst alles, auch und gerade die Maschine. Denn die Frage lautet nicht, ob die Maschine lebt, das ist eine Verdrehung der Tatsachen. Das Leben ist eine Maschine, entstanden und geformt durch Evolution. Man muss nur genau genug hinschauen, dann sieht man dies auch, ohne Platz für Zweifel. Keine Magie, keine seelenhafte Wirkung, alles nur Physik und Chemie. Darin liegt ein Zauber, der wunderbarer und schöner ist als es sich der infantile Spiritualist und Vitalist vorstellt. Der Kosmos, wie er sich durch mich und Dich und als Du und ich wahrnimmt, kann sogar wahrnehmen, wie er selbst genau dazu kam, und dann voranschreiten.

Grenzenlose Möglichkeiten leben

Die Möglichkeiten sind grenzenlos: Neue Pflanzen, neue Tierarten, neue Medizin. Neben der Abschaffung des Alterns aber fasziniert mich vor allem, was uns die Erforschung des Geistes und Neurotechnologie eröffnen wird: Neues Bewusstsein. Telepathie gehört dabei zu den tief hängenden Früchten und wird allein schon durch Weiterentwicklung heutiger Technik machbar. Man stelle sich vor, was erst geschieht, wenn man zwei menschliche Gehirne durch eine breitbandige Schnittstelle miteinander verbindet. Kollektives Bewusstsein. Zusammen mit Virtual Reality werden Erfahrungen machbar, welche die derzeit möglichen in jeder Hinsicht in den Schatten stellen werden. In der virtuellen Realität darf jeder einmal König sein. Oder Prinzessin. Viele Menschen sind sich nicht darüber im Klaren, dass sie die Welt nicht an sich wahrnehmen, sondern eine Simulation im Geiste. Vollentwickelte Virtual Reality fühlt sich aber nicht nur wirklich an, sie ist es auch, denn subjektive Erfahrung ist das Wirklichste, was es gibt. Man sollte nicht vergessen, dass Evolution den Menschen nicht dazu gemacht hat, glücklich zu sein, sondern zu überleben. Die Erfüllung der tiefsten Wünsche kann niemanden dauerhaft glücklich machen, dessen Hirn dazu nicht gemacht ist. Mit entsprechenden Fortschritten in Pharmazie und Implantattechnologie werden wir das Problem an der Wurzel beseitigen. Jeder noch so kleine oder große Wunsch kann wahr gemacht werden, und so können wir selbst den Lüsten frönen, die uns derzeit noch größten Schaden zufügen, man denke an gewalttätige Auseinandersetzungen um Fußballspiele. Krieg wird zum Sport, mit Respawn und ohne ungewolltes Leid der Opfer. Materieller Reichtum wird insofern belanglos, dass in den eigenen Erfahrungen jeder die größten Reichtümer besitzen kann. Solange für das nötigste leibliche Wohl gesorgt ist.

Technische Lösungen

Womit wir bei der Armut angelangt werden. Ich will nicht viele Worte darum verlieren: Armut ist in erster Linie ein technisches Problem, dann erst ein soziales. Technische Probleme schreien nach technischen Lösungen. Massive Automatisierung und Fortschritte in der Nanotechnologie werden für die körperlichen Bedürfnisse eines jeden die notwendige Grundlage schaffen. Und wenn wir zu viele werden oder es uns hier nicht mehr gefällt, dann gibt es eines im Universum in Hülle und Fülle: Platz.
Die langfristige Aussicht auf Überbevölkerung, so sie denn bei erheblichem gewachsenem Wohlstand eintreten sollte, ist bei Weitem nicht der einzige Grund dafür, dass ich ein mit Nachdruck betriebenes Weltraumprogramm befürworte. Wir wissen nicht, wie groß der Kosmos tatsächlich ist, bisher sieht es jedoch ziemlich tot da draußen aus. Es könnte sein, dass bewusstes und intelligentes Leben so selten ist, dass wir alleine sind. In dieser Hinsicht bin ich Humanist: Dem jetzigen Kenntnisstand nach ist der Mensch noch das Maß aller Dinge. Wenn wir es nicht schaffen, den Kosmos mit Leben zu füllen, könnte es sein, dass er tot bleibt. Myriaden Ungeborener warten darauf, dass die Menschheit ihre Bestimmung in den Sternen erkennt, anstatt sich in Konflikten um Ressourcen selbst zu vernichten, die bei intelligenter Bewirtschaftung Wohlstand für alle ermöglichen.

Darum bin ich Transhumanist

Das wäre dann mein Weltbild. Ich bin Transhumanist, weil ich den Sinn unserer Leben darin sehe, unser eigenes und neues Bewusstsein weiter zu entfalten und dazu die Überwindung unserer biologischen Grenzen für unabdingbar erachte. Ich bin Immortalist, weil ich das ewige Leben bejahe und den Tod verneine, weil ich leben will und jedem das Leben gönne. Ich bin Resurrektionist, weil ich es für denkbar und erstrebenswert halte, die Toten wiederauferstehen zu lassen, die nicht weniger als unsere Vorfahren und damit frühere Formen von uns selbst sind. Und ich bin Kosmist, weil ich es als heilige Pflicht der Menschheit ansehe, das Leben in den Kosmos zu tragen, auf dass er nicht blind, taub, kalt, trost- und gnadenlos bleiben muss. Ich lasse mir gerne vorwerfen, in meinen Ansichten einen religiösen Eifer an den Tag zu legen. Der Gott vieler meiner Mitmenschen ist auf jeden Fall zu klein für mein Universum.

 

Dieser Artikel ist eine persönliche Meinung des Autors und soll als Diskussionsgrundlage, oder um Aufmerksamkeit auf dieses Thema zu lenken, genutzt werden. Die hier dargelegten Standpunkte stellen nicht zwangsläufig die der TPD dar.

Transhumane Partei